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Icon   Zwischen Notwendigkeit eines Ratings und den Konsequenzen daraus

Artikel 6: Ratingagenturen - Fluch oder Segen?

Yacine Ghoggal • 23. October 2011

Yacine Ghoggal
Sechster Artikel aus der Artikelreihe „In die Krise, in der Krise, aus der Krise“ von Yacine Ghoggal. Artikel 1 und folgende Artikel sind verlinkt.

 Dies ist die Fortsetzung des Artikels 5 aus der Artikelreihe „In die Krise, in der Krise, aus der Krise“: Artikel 5: Der Primat der Finanzindustrie - Wie man ihn bricht - Ein Gedankenspiel, was wäre wenn wir den Spieß umdrehen? http://www.vorwaerts.de/trackback/13377 Wenn ihr den Artikel noch nicht gelesen habt, empfehle ich diesen vorher zu lesen, bevor ihr mit diesem weitermacht, oder geht gleich zu Artikel 1: www.vorwaerts.de/trackback/13374

 

Schon seit Beginn der Griechenlandkrise und auch schon bei der letzten Finanzkrise, wurde das Thema Ratingagenturen von Politik und Medien angesprochen. Es wurde angeprangert, dass die  Finanzprodukte zu gut bewertet wurden, dass Banken zu lange ein gutes Rating genießen durften und dann mit einem Schlag stark downgeratet wurden und die Märkte in Panik versetzt worden seien. Wären die Banken schon im Vorlauf manchmal leicht abgewertet worden, dann wäre keine Panik entstanden und die Anleger wären nicht panikartig aus den Bankanleihen geflohen und so manch Bank hätte nicht gerettet werden müssen, so der Vorwurf.

 

Bei der Griechenlandkrise wird hingegen kritisiert, dass jedes runterstufen Griechenlands, Italiens, etc. Panik erzeuge und diese Panik wiederum zu weiteren Downgrades führe, die der jeweilige Staat gar nicht verdient habe.

 

Wie es eine Ratingagentur also macht, sie macht es falsch. Jedes Rating, welches ein Land oder auch eine Bank bewertet und aufgrund steigender Risiken, z.B. wachsender Schuldenberge, zu einem anpassen des Ratings führen müsste, wird abgelehnt, da es Panik erzeuge.

 

Während und nach der letzten Finanzkrise, berieten Juristen intensiv darüber, wie man Ratingagenturen, die nicht ordentlich bewerteten, ihnen aufgrund dieser ergangenen Bewertungen, und daraus folgenden falschen Entscheidungen und Verluste, zu Schadenersatz verpflichtet werden könnten.

 

Die Lehre der Ratingagenturen daraus war, drei Jahre später, ihre Ratings früher an die Realität anzupassen. Da sie jedoch auch damit eine Kettenreaktion in Gang setzen, wollen Europäische Politiker nun Ratings für Länder oder (nur) Krisenländer verbieten. Zudem kursiert der Vorschlag der Gründung einer Europäischen Ratingagentur.

 

Ich beschäftige mich in diesem Artikel mit diesen Vorschlägen und zeige die möglichen Konsequenzen auf.

 

Erst einmal ist festzustellen, dass Banken für die Kreditvergabe grundsätzlich auf eine Art Rating angewiesen sind. Bei Verbraucherkredieten, verlassen sich die Banken dabei auf die Schufa, bei Staaten oder auch Versicherungen, Banken oder Kreditpakete, auf Ratingagenturen. Wo eine Bank nicht auf Schufa oder Ratingagentur zurückgreifen kann, zieht sie andere Angeben in Fokus. So wie sie beim Vebraucherkredit nach regelmäßigem Einkommen und Ausgaben fragt, will sie bei einem Staat etwas über der jährlichen Haushalt, ob er im Soll oder im Haben ist erfahren. So wie sie bei einem Verbraucher etwas über die Sicherheiten wissen will, verlangt sie solche auch bei einem Staat. Und auch bei einem Verbraucher interessiert sie sich für die Schulden, die dieser hat und auch bei einem Staat wird dies in die Bewertung, ob ein Kredit jemals zurückgezahlt werden wird, mit einfließen.

 

Worauf ich und dieser Stelle hinaus will ist, dass das Verbieten von Ratings für Länder oder Krisenländer, Banken nicht davon abhalten kann, diese doch zu bewerten. Dürfen sie sie nämlich nicht bewerten, so werden sie es tunlichst vermeiden, einem solchen Staaten einen Kredit zu gewähren oder ihre fälligen Schulden zu refinanzieren.

 

Selbstverständlich will man jedoch nur Ratings durch Ratingagenturen verbieten. Sollten sich diese jedoch darauf einlassen, verschiebt sich die Aufgabe des Staatenratings bloß auf die Banken. Fraglich ist dabei jedoch, ob US-Amerikanische Ratingagenturen überhaupt durch die EU dazu gezwungen werden können. Für ein Rating brauch eine Ratingagentur nur die derzeitige, zumeist öffentliche Datenlage eines Staates und ein Mikrophon, in welches sie das Urteil, also die Bewertung, abgeben können. Nun, manche Banken werden sie dafür vielleicht nicht mehr bezahlen dürfen, andere jedoch schon und die EU kann dies nicht verhindern.

 

Gehen wir jedoch vom Szenario aus, dass Ratingagenturen sich dem fügen, so schützt ein nicht vorhandenes Rating der Ratingagenturen nicht vor einem schlechten Rating der Banken. Die Banken werden zwar individueller bewerten, möglicherweise auch zu verschiedenen Ergebnissen kommen, wodurch der jeweilige Staat möglicherweise bei der einen Bank günstige Kredite, bei der anderen Bank keine bekäme, aber wie wir ja wissen, ist die Bank ja ein scheues Reh und wird schon durch leichte Anzeichen von Turbulenzen nervös. Bewertet also eine Bank schlecht, könnten und werden sich die anderen Banken daran ein Vorbild nehmen, denn wenn eine Bank schlecht bewertet, hat sie, so die Lesart anderer Banken, einen Grund dafür. Die Publizierung des eigenen Ratings kann kaum verboten werden. Eine Bank könnte jedoch ein Interesse daran haben, dass ihr internes Rating nicht publik wird, weil sie selber Staatsanleihen dieses Landes hält und der Verkauf dieser auf dem Sekundärmarkt schwerer fallen könnte, diese somit weniger Wert werden könnten.

 

Bei den Krisenstaaten hingegen würde gerade diese Intransparenz zu Panik führen, da man nicht weiß, ob irgendeine Bank möglicherweise nicht einmal mehr mit 50% Zinsen Kredite vergibt. Da gerade aufgrund dieser Intransparenz jede Bank erst Recht Panik bekommt, wird eine Ratingverbot hierbei nix bringen, die Probleme gar verschärfen.

 

Gleichzeitig hätten die Banken auf dem freien Markt die Möglichkeit sich gegenseitig Staatsanleihen zu verkaufen. Anhand des Preises der sich dort bildet, können die Banken ungefähr abschätzen, wie hoch das Rating der anderen Banken für den jeweiligen Staat ist. Ist ihr eigenes Rating für den Staat zu hoch, werden sie runterstufen, weil sie davon ausgehen müssen, dass sie etwas nicht wissen, was zu einem schlechterem Rating führt. Ist ihr Rating zu niedrig, dann werden sie im Normalfall davon ausgehen, dass sie für das niedrigere Rating triftige Gründe haben. Ein Rating wird sich also in der Regel, bei den unteren Ratings einpendeln, was zu geringeren Preisen der Staatsanleihen und ein weiteres absinken des Ratings führt. Dies gilt nur für Krisenstaaten, aber die will man ja durch den Mechanismus schützen, es beginnt also Spekulation um den wahren Zustand eines Staates. Bei Nichtkrisenstaaten hingegen, kann eine Bank bei einem schlechten Rating eines Konkurrenten auch denken, dass dieser möglicherweise von positiven Nachrichten noch nichts erfahren hat, bei Krisenstaaten werden jedoch die negativen Nachrichten die Regel sein. Nichtkrisenstaaten wären also dadurch tatsächlich länger geschützt, da keine Ratingagentur für alle gemeinsam entscheidet, dass dieser Staat jetzt im wahrsten Sinne des Wortes, in die Krise rutscht.

 

Da ein Vorschlag jedoch vorsieht, nur Krisenstaaten aus dem Rating herauszunehmen, taugt dieser Vorschlag nicht. Der andere Vorschlag wäre einen Gedanken wert gewesen, aber wie beim zweiten Artikel der Artikelserie gilt, dass das Kind schon in den Brunnen gefallen ist...

 

Ein anderer Vorschlag lautete, eine unabhängige Europäische Ratingagentur zu gründen, eine die unabhängig von US-Amerikanischen Spekulationsgebaren sei.

Nun, mit der Unabhängigkeit ist es so eine Sache. Wenn die EU ein Institut gründet, welches Staatsanleihen bewerten soll, dann wird auch dieses sich, da es sich ja aus EU-Geldern finanziert, nicht völlig unabhängig verhalten können.

So wie US-Amerikanische Ratingagenturen abhängig von ihren Geldgebern, also den Banken und Versicherungskonzernen sind, wäre eine EU-Ratingagentur abhängig von Brüssel.

 

Den EU-Staaten würde es nicht gefallen, wenn Italien ein schlechteres Rating bekäme, würde sich gerade dieses besonders wehren und seinen Einfluss geltend machen. Die Agentur wüsste, was sie durch ein Downgrade verursachen könnte und auch Brüssel und Berlin würden mit der Streichung von Geldern drohen oder einfach das Führungspersonal austauschen. Da aber die Unabhängigkeit der Agentur der einzige Grund sein könnte, warum eine Bank auf das Urteil vertrauen würde, wäre es um eine Wirkung einer solchen Agentur schlecht bestellt.

 

Gingen wir von der utopischen Vorstellung aus, dass sich die EU auf die Gründung einer tatsächlich unabhängigen Agentur einließe, die z.B. mit einem großen Geldbetrag als Stiftung gegründet würde, müsste sich diese das Vertrauen erst einmal erarbeiten. Dies könnte sie nur, indem sie Griechenland auch realistisch bewertet. Alle Zeichen stehen jedoch auf Zahlungsausfall und zwar in Form eines mehr oder weniger freiwilligen Schuldenschnitts.

 

Mit der unabhängigen Europäischen Ratingagentur wäre also noch nichts gerettet, zumal sie soviel Autorität in der Sache sammeln müsste, wie die drei anderen großen Ratingagenturen zusammen...

 

Update: Artikel 7: Ideen die die Welt verändern, vor allen Dingen bedeutend ärmer machen - Wie der "Finanzexperte" der Piratenpartei Europa in eine erneute Eurokrise stürzen möchte: goo.gl/uq6K6 (URL führt zu Mein-Herz-Schlägt-Links.de)

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