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Icon   Euro-Vision 2012 - Das ESC-Blog von Marc Schulte und Martin Schmidtner

Durchs alte Westeuropa / Streifzüge durchs ESC-Starterfeld, Teil 4

Marc Schulte • 25. April 2012

Marc Schulte
Auf unserem vierten Streifzug entdecken wir Schönes aus der Schweiz, Interessantes aus Österreich, Abstruses aus San Marino und alte Bekannte aus Irland sowie schwächelnde Benelux-Kandidatinnen. Und anders als anderswo handelt nicht jedes Lied von der Liebe.

Unsere Rundreise setzt sich im alten Westeuropa fort, jenem Teil der Eurovisions-Landkarte, der nach einer großen Vergangenheit in den vergangenen 20 Jahren oft weißer und weißer geworden war.

Auf unserem vierten Streifzug entdecken wir Schönes aus der Schweiz, Interessantes aus Österreich, Abstruses aus San Marino und alte Bekannte aus Irland sowie schwächelnde Benelux-Kandidatinnen – ausgenommen bleiben diesmal natürlich die Big Five: Italien, Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Spanien,  die als die bereits gesetzten Finalisten eine extra Würdigung erfahren werden.

 

Schweiz

Auch wenn den Eidgenossen oft Behäbigkeit nachgesagt wird, so entwickeln sie sich doch seit 2010 zu dem Land der Eurovisionsfamilie, das seinen Liedtitel als erstes der Öffentlichkeit präsentiert. Die charmante Rockformation Sinplus siegte in der Schweizerischen Vorentscheidung am 10. Dezember 2011 mit dem rockig angehauchten Popsong Unbreakable

Die Botschaft des Songs ist eindeutig optimistisch: Schwimme entgegen den Strom, folge deinem wildesten Traum. Du kannst es tun.
 


 

Sympathisch voll des italienischen Akzents klang das Englisch alles andere als verständlich, so dass ein Vocal-Coach angesetzt wurde - mit erstaunlichem Ergebnis: Das Schweizer Fernsehen schrieb im März 2012: „Sinplus – Jetzt auch in Englisch“. Hier der Artikel mit Hörbeispielen vorher und nachher.
Mit der Startnummer 7 gehen unsere Nachbarn im ersten Halbfinale an den Start und für uns gehören die U2s aus dem Tessin definitiv und unbedingt ins Finale.

 

Belgien

Auf die Schweiz folgt mit Belgien auch ein mehrsprachiges Land.
Dort gibt es klare Regeln: Letztes Jahren bestimmten die Wallonen, jetzt sind die Flamen wieder an der Reihe. Nachdem vor zwei Jahren Tom Dice mit seiner Gitarre so erfolgreich war (Platz 6), dachten sich unsere Nachbarn, schicken wir doch wieder jemand ganz alleine auf die Bühne. Die 1995 geborene Laura van den Bruel, Künstlerinnenname Iris, singt Would You.


 

Wir könnten interpretieren, dass mit bewusst eingesetzter brüchiger Stimme die Unsicherheit eines jungen Mädchens in elementaren Fragen der Liebe zum Ausdruck gebracht wird. Oder dass das Verbot, sich aus der vorgeschriebenen Standposition zu entfernen bestimmt die Entfremdung vom Vertrauen in die Liebe darstellen soll.

Auf jeden Fall aber zweifelt Iris ob der Liebe, die ihr entgegen gebracht wird. Was hättest du getan, wenn…? Was wäre dann gewesen?
Und wir lassen Iris mit ihren Fragen ratlos zurück.

 

San Marino

Ralph Siegel ist ein Phänomen – er schafft es doch immer wieder zu überraschen: Plötzlich ist er wieder da – mit einem Beitrag für San Marino! Mit The Social Network Song (Oh Oh – Uh - Oh Oh) der aus San Marino stammenden Sängerin Valentina Monetta bringt Ralph Siegel seinen 20. Titel als Komponist an den Start. Das Lied klingt entsprechend: antiquiert und altbacken, da hilft auch kein vermeintlich moderner Inhalt.

Hier erst mal die Siegelschen Titel in ihrer zeitlichen Reihenfolge 

1974 (Luxemburg): Bye, Bye I Love You / Ireen Sheer (4. Platz)
1976 (Deutschland): Sing Sang Song / The Les Humphries Singers (15. Platz)
1979 (Deutschland):  Dschinghis Khan / Dschinghis Khan (4. Platz)
1980 (Luxemburg)  Papa Pingouin / Sophie & Magaly (9. Platz)
1980 (Deutschland):  Theater / Katja Ebstein (2. Platz)
1981 (Deutschland):  Johnny Blue / Lena Valaitis (2. Platz)
1982 (Deutschland):  Ein bißchen Frieden / Nicole (1. Platz)
1985 (Luxemburg)  Children, Kinder, Enfants / Margo, Ireen Sheer, Chris Roberts, Malcolm Roberts, Franck Olivier & Diane Solomon (13. Platz)
1987 (Deutschland):  Laß die Sonne in Dein Herz / Wind (2. Platz)
1988 (Deutschland):  Lied für einen Freund / Maxi & Chris Garden (14. Platz)
1990 (Deutschland):  Frei zu leben / Chris Kempers & Daniel Kovac (9. Platz)
1992 (Deutschland): Träume sind für alle da / Wind (16. Platz)
1994 (Deutschland):  Wir geben ’ne Party / Mekado (3. Platz)
1997 (Deutschland):  Zeit / Bianca Shomburg (18. Platz)
1999 (Deutschland):  Reise nach Jerusalem / Sürpriz (3. Platz)
2002 (Deutschland): I Can’t Live Without Music / Corinna May (21. Platz)
2003 (Deutschland):  Let’s Get Happy / Lou (12. Platz)
2006 (Schweiz): If We All Give a Little / six4one (17. Platz)
2009 (Montenegro): Just Get Out of My Life / Andrea Demirović (11. Platz im 1. Halbfinale)
2012 San Marino)): The Social Network Song (OH OH–Uh-OH OH) / Valentina Monetta  

Was San Marino dabei geritten hat – wir wissen es nicht und sind nach dem sehr engagierten Auftreten der Delegation des Zwergstaates in Düsseldorf gelinde gesagt überrascht.
Ursprünglich hieß der Titel Facebook Uh- Oh Oh, doch dieser Titel musste nach Begutachtung durch die Reference Group der EBU als regelwidrig abgeändert werden, da Werbung untersagt ist. Also geht es jetzt vermeintlich neutral um das Social Network und statt Facebook Uh-Oh Oh singt Valentina jetzt eben Oh Oh – Uh – Oh Oh, auch wenn im Video die neue Facebook-Chronik mehr als klar und deutlich zu erkennen ist.
Doch auch der Rest des Textes schmerzt ob seiner Naivität: Gefahren oder Kommerz im Internet? Mitnichten – alles toll und dufte:

Do you wanna be more than just a friend?
Do you wanna play cybersex again?
If you wanna come to my house
Then click me with your mouse
Hello, ooh oh oh...
Never gonna let you go

Ach nein, es gibt so einen kleinen Hinweis darauf, dass im Internet nicht alles so ist, wie es scheint und sogar die Politik interessierte Vorwärts-Leserin oder der ebenso interessierte vorwärts-Leser wird die Politik gleich neben den "schmutzigen Tricks" finden:

Do you really like politics? Wanna talk about dirty tricks?
Are you really a sex machine or just some beauty queen?
Everybody is better than before
Everybody is calling out for more
 

 

Österreich

Einen weiteren textlichen Höhepunkt bieten uns unsere österreichischen Nachbarn, die das Lied Wackle mit deinem Gesäß, oder auf Mühlviertlerisch Woki mit deim Popo, ins Rennen schicken. Die Gruppe Trackshittaz, bestehend aus Lukas Plöchl und Manuel Hoffelner, besingen das Party-Leben der Nudelsuppen-Gang. Einen gewissen Witz hat es durchaus - DJ Ötzi auf Ballermann reloaded: Bitt‘ scheen, wer’s mog….

 

 

Ob die Schwarzlicht-Table-Dance-Licht-Erotik in Baku allerdings noch so wirkungsvoll sein wird, sei fraglich, war zu lesen. Denn eine so große Veranstaltungshalle lässt anscheinend keinen solchen Schwarzlicht-Einsatz zu. Wir werden sehen.
Ach ja – gegen den Text des Liedes wollen wir natürlich nicht wirklich etwas gesagt haben – immerhin gibt es den auf einem weiteren Video sogar in Gebärdensprache erklärt!

Leider hat Österreich eine echte Chance vertan. Was hätte besser zum ESC in Baku gepasst als das lebende Gesamtkunstwerk, die zweitplatzierte Conchita Wurst?! Schade, sehr sehr schade!!!

 

 

Irland

Sie wollen mehr, Jedward aus Irland: ihr 8. Platz in Düsseldorf mit dem Lied Lipstick scheint Ansporn gewesen zu sein, ein zweites Mal anzutreten. Und schräg wie im letzten Jahr, nur ein Jahr unreifer geworden, gehen die Zwillinge an Start und werden wieder für viel Laune sorgen.

Diesmal heißt das Lied Waterline und handelt davon wie die Liebe einen oder hier zwei so verrückt machen kann, dass man meint an seine Grenzen zu kommen.

Leider wirkt vieles am Gesamtkunstwerk Jedward inzwischen schon bekannt und nicht mehr so frisch wie beim ersten Mal, doch sie sind nach wie vor Meister der Selbstinszenierung, wie auch das offizielle Video zu Waterline zeigt. Der Song selbst gehört zur Kategorie der „Sich-Langsam-Einnister“, das heißt beim ersten Mal noch langweiliger Einheitspop, bewirkt er bei wiederholter Einwirkung zunehmend Mitsummen, Mitwippen oder Mitpfeifen – und schwupps kriegt man ihn nicht mehr los.

 

 

Niederlande

Joan Franka, eine vorzeitig ausgeschiedene Teilnehmerin der ersten Staffel von Voice of Holland 2010, setzte sich in der niederländischen Vorentscheidung mit einem Lied über ihre erste Kinderliebe durch („Ich war fünf und er war drei.“). Das ganze Lied spiegelt in einfachen Worten die Unbeschwertheit, Fröhlichkeit und Einfachheit dieser Liebe wieder, die andere als ganz falsch und nicht richtig ansahen. Aber dieses Du und ich (You and me, so der Titel) - das war etwas Besonderes.
Das Indianerkostüm führte nicht nur bei uns zu einigen Irritationen, die Sängerin erklärte aber, sie sei dennoch keine „Party-Indianerin“, die laut Song der Nudelsuppen-Gang aus Österreich zum Party-Feiern „Federn an die Keepf‘“ mache – nein falsch! – SCHERZ! – tatsächlich hat sie erklärt, damit nur das Indianerspielen als Ausdruck der Kindheit gezeigt zu haben, nicht mehr und nicht weniger. Na dann…
Ja, sie befinden sich leider in einem ESC-Tief, unsere Nachbarn im Westen, und werden auch diesmal zum achten Mal in Folge das Finale nicht erreichen.

 

 

 

Portugal

Auch Portugal setzt auf einen erfolgreichen Komponisten: Andrej Babić hat 2003 für Kroatien (der Komponist ist der blonde Tänzer), 2005 für Bosnien und Herzegowina, 2007 und 2009 für Slowenien den Wettbewerbsbeitrag komponiert, 2012 ist sein zweiter Titel für Portugal, nachdem er bereits 2008 Senhora do Mar geschrieben hat, ein Song unserer persönlichen Eurovisions-Top-10.

Jetzt hat Andrej Babić also die Feder ergriffen für Filipa Sousa und den Titel Vida minha – Mein Leben. Es geht darum, dass der Liebste nicht da und jeder Schritt im Alltag die Sehnsucht erweckt und sie sich eine Umarmung erträumt. Scheinbar gespickt mit Zitaten aus der Geschichte des Chansons trägt der Song unverkennbar seine Handschrift – wunderschön, aber unser Geschmack für das Portugiesische findet leider meist wenig Nachahmer.

 

 

Fazit

Es gibt in Westeuropa tatsächlich nicht nur Liebeslieder. Ob das der entscheidende Unterschied zu den anderen Ländern der Eurovision ist, der sich auch oft in fehlenden Punkten niederschlägt?

Polemik beiseite: Westeuropa ist nicht schlecht aufgestellt in diesem Jahr, vor allem, wenn wir dann tatsächlich die Big Five noch hinzunehmen. Doch davon mehr im übernächsten Streifzug.

 

 

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