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Icon   Euro-Vision 2012 - Das ESC-Blog von Marc Schulte und Martin Schmidtner

Schwulenfeindlicher Hackerangriff auf Eurovision-Website

Martin Schmidtner • 17. May 2012

Martin Schmidtner
Auf eine der wichtigsten unabhängigen Websites zum Eurovision Song Contest wurde heute ein schwulenfeindlicher Hacker-Angriff verübt:

Nach den ersten unbeschwerten Tagen, in denen sich Aserbaidschan seinen Gästen als freundliches und tolerantes Land präsentieren konnte, das bei vielen die Menschen- und Bürgerrechte in Vergessenheit gerieten ließ, machte sich heute Ernüchterung breit.

Die Website von esctoday.com, der unserer Meinung nach besten und professionellsten unabhängigen Website mit jahrelanger Erfahrung in der ESC-Berichterstattung, ist seit heute offline. Ein Hackerangriff hat die Daten des Servers vollständig zerstört – auf dem Facebook-Profil der Betreiber ist zu lesen: “Esctoday wurde gehackt. In einer Sekunde wurden tausende Stunden harter Arbeit (genaugenommen 12 Jahre) als Vergeltung dafür ausradiert, dass wir den Eurovision Song Contest unterstützen, den der Hacker eine ‘Schwulenparade’ nennt.”

Auf einem Bild ist ein sogenannter “aserbaidschanischer Cyber-Krieger” zu sehen, der in voller Rüstung einen Meteoritenangriff auf Aserbaidschan abwehrt: Schwule als außerirdische Eindringlinge, die laut zugehörigen Text, “wie die Tiere” seien und es auf “die Familie” abgesehen hätten.


Dieses Bild hinterließ der Hacker auf esctoday

Das erinnert sehr an eine anti-aserbaidschanische Kampagne des Nachbarlandes Iran, die vor einiger Zeit vor der aserbaidschanischen Botschaft im nordiranischen Täbris gestartet wurde. Damals demonstrierten dort einige Iraner mit Slogans wie "Aserbaidschan ist ein muslimisches Land und hat keinen Platz für Schwuchteln" oder "Schwule der Welt in Aserbaidschan - islamische Aktivisten im Gefängnis" gegen den bevorstehenden Eurovision Song Contest, wie queer.de in seinem ESC-Blog berichtete.

Dies hatte, so queer.de, vergangenen Freitag zu einer Gegendemonstration vor der iranischen Botschaft in Baku geführt. (siehe Video)

Hintergrund sind Differenzen beider Staaten, die historisch ihre Wurzeln in der Teilung Aserbaidschans haben: das jetzige Staatsgebiet umfasst den historisch nördlichen Teil, während der südliche Teil zum Iran gehört. Zahlenmäßig leben mehr Aserbaidschaner im Iran als in Aserbaidschan. Der Iran versucht in den letzten Jahren, den Einfluss fundamentalistischer Geistlicher in Aserbaidschan auszuweiten, wogegen sich der säkulare Staat Aserbaidschan wehrt.

Nach Auskunft von Robin Scott von esctoday sei der Angriff jedoch aus Aserbaidschan heraus gegen den Server der ESC-Website geführt worden. Derzeit versuche man, die Website in einer Notversion wieder aufzubauen. Die wichtigsten Texte seien vermutlich durch Backup wiederherstellbar, jedoch sollen tausende Fotos und Videos vollständig verloren sein.

Einen ersten Cyberangriff soll es bereits am 24. April auf die Website www.eurovision.az gegeben haben und laut queer.de soll auch heute ein erneuter Angriffsversuch gegen diese Website sowie die einer aserbaidschanischen News-Site geführt worden sein.

Tatsächlich sollten wir uns mit Deutungen und Erklärungsversuchen zunächst zurückhalten, auch wenn  es doch den Eindruck von religiösem Fundamentalismus macht.

Aserbaidschan ist zwar, was die Akzeptanz Homosexueller angeht, noch einige Jahrzehnte hinter derzeitigem westeuropäischen Standard zurück, jedoch was rechtliche Diskriminierung angeht immerhin weiter als die alte BRD je gekommen war. Gesellschaftlich allerdings ist Homosexualität ein Tabu-Thema, auch wenn sich in den vergangenen Jahren leichte Verbesserungen abzeichnen.
Es bleibt dem Land zu wünschen, dass es nicht unter fundamentalistischen Einfluss gerät.

Den Kollegen von esctoday, die diese Attacke nun stellvertretend für die ganze Eurovisions-Familie ausbaden müssen, wünschen wir schnellen Erfolg beim Wiederaufbau ihrer Website.

 

UPDATE:
Das ESC-Blog von Prinz hat inzwischen ein mehr als beschämendes und peinliches Statement der EBU zum Vorfall veröffentlicht.

Und auch der Angriff auf die aserbaidschanische Organisati8ons-Website www.eurovision.az scheint sich leider zu bewahrheiten, zumindest ist die Website ni8cht mehr aufrufbar.



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