1) Uniform
Bulgarien
Während in der bulgarischen Vorentscheidung Poli Genova noch als Punkrockerin auftrat, so überraschte sie gestern mit etwas Weißem, das wohl so etwas wie ein Kleid symbolisieren sollte – in einer Version der Probe ganz in lang, in einer anderen dann auf Hüfthöhe gekürzt. Ihr endgültiges Bühnenoutfit wird also noch ein Geheimnis bleiben.
Die Generalin und ihre Soldaten | © Marc Schulte und Martin Schmidtner
Locker und aufgekratzt wirkte sie bei der Pressekonferenz. Dem in den letzten Jahren zunehmenden Uniform-Zwang zu englischen Songtexten folgt sie nicht. Zwar habe auch sie eine englische Version ihres Na Inat ausprobiert – hat ihr aber nicht gefallen. Sie fühle sich mit der Originalversion wohler, die Sprache hätte mehr Ausdruckskraft und die brauche sie, um ihre Botschaft zu transportieren. „Du kannst gegen alles ankämpfen, was sich Dir in den Weg stellt. Die ganze Botschaft ist, dass was immer Du tun willst auch tun kannst – so findest Du innere Stärke.“ Aha!
Die Musiker ihrer Band tragen Orden und Uniform-Kettchen – warum mag mann und frau sich fragen? Ist doch ganz einfach: „Sie sind Soldaten und ich bin General. Wir sind Soldaten der Liebe!“
Estland
Deutlicher und größer ausgefallen sind die Uniform-Accessoires bei den Tänzern von Getter Jaani aus Estland. Es sind lebendige Spielzeugsoldaten, die die Rockefeller Street hinunter turnen. Erzählen möchte die Sängerin ein Märchen über Mädchen und ihre Träume. Und jene Spielzeugsoldaten sollen Getter bewachen.
Getter Jaani (Mitte) mit Leibgarde| © Marc Schulte und Martin Schmidtner
Irland
Die dritte Variante einer Uniform bekamen wir ganz am Ende eines sehr sehr sehr langen Tages geboten. Die Zwillinge Jedward aus Irland trugen gestern Zirkusuniformen. Akrobatisch haben sie auch einiges auf dem Kasten, kamen Rad schlagend in die Pressekonferenz und boten auch zum Fototermin noch allerhand Gymnastik. Dazwischen lagen die unterhaltsamsten 30 Minuten der vergangenen 4 Tage. Würde man Jedward neben dem Song noch drei Minuten mehr zur Selbstdarstellung auf der Bühne geben und wäre es ein Comedy-Wettbewerb, sie wären schon jetzt die Gewinner des Contests.
Akrobaten | © Marc Schulte und Martin Schmidtner
Kaum auf ihrem Platz angekommen, begannen sie zu reden: nie gleichzeitig, aber sich ohne Pausen abwechselnd und in einem atemberaubenden Tempo, dem nur schwer zu folgen ist. Denn hat man mal eine Pointe verstanden, verpasst man vor Lachen mit Sicherheit die nächste. Wir können uns vorstellen, dass sie in ihrer Schulkarriere ihre Lehrkräfte massenhaft in den Vorruhestand getrieben haben.
Dabei geht die Akrobatik in Form von Grimassen weiter.
Natürlich wurden sie gefragt, wie sie sich unterscheiden – darauf folgte ein minutenlanger Vortrag über feine Unterschiede in der Zahl der Pickel oder bestimmter Narben auf der Nase und hinter den Ohren.
Und ob sie gehört hätten, dass sie für die TWiiNS aus der Slowakei zu jung für ein Date seinen? Das würde doch nichts machen, so ihre Antwort. Britney Spears und Kate Perry wollen sie lieber kennenlernen.
Auf ihr Verhältnis zu Schwulen angesprochen folgt ein Vortrag, von dem ich nur mitbekommen habe, dass sie prinzipiell nur Objekte unter sich aufteilen, keine Menschen oder Tiere, also auch keine Jungs oder Mädels.
Und so weiter, und so weiter, bis es in den Ohren klingelte.Die Moderatorin der Pressekonferenz Sonia Kennebeck verdient hier einmal großes Lob: sie hat sich tapfer gehalten und mit stoischer Mine versucht, sich nicht anmerken zu lassen, dass wahrscheinlich auch sie ein Drittel des Wortschwalls nicht einsortieren konnte.
Einzelne Passagen und Antworten sind einstudiert und kommen fast reflexartig, so die nach den aufgerichteten Haaren oder den Unterschieden zwischen beiden. Oder ihre Standardintro: „Hi, I am John.“ „And this is Edward“ „Together we are Jedward“
Vieles aber ist gekonnt improvisiert, wobei sie nicht selten den Fragestellern ebenso ins Wort fallen wie sie es gegenseitig tun.
Eloquent und stilsicher: Lipstick | © Marc Schulte und Martin Schmidtner
Natürlich kamen auch sie um eine a capella Version ihres Songs Lipstick nicht herum – und auch wenn sie sicher keine Stimmwunder sind, überraschten sie doch mit mehr Treffsicherheit und mehr Passagen, die sie ohne Backvocalists sangen, als wir ihnen zunächst zugetraut hatten.
Diese Zwillinge sind schwer einzuschätzen. Ins Finale kommen sie ganz ohne Frage, aber ob es mit ihrer perfekt durchgestylten Show zu einem Überraschungssieg reicht…?
Zumindest haben sie auf sich aufmerksam gemacht und sich unüberhörbar Zutritt zum Kreis potentieller Top-Kandidaten verschafft.
Hier die Original-Pressekonferenz:
Dänemark
Die vierte Uniform-Variante finden wir in einer Frisur: ein seitlich rasierter Haarschnitt mit einer Krone aus mit Unmengen von Haarlock hochgestellten Haaren.
Jedward tragen den Prototyp dieser Frisur (in unseren Promotüten befindet sich die Frisur aus Pappe für Fans zum Aufstecken) – sie haben in Zentimetern auch definitiv die längsten Stand-Haare. Das gibt auch Tim Schou, der Leadsänger von A Friend in London aus Dänemark unumwunden zu. Allerdings seien die Frisuren seiner Band „more stylish“ als die von Jedward.
A Friend in London | © Marc Schulte und Martin Schmidtner
A Friend in London, die mit New Tomorrow in den Wettbewerb ziehen, sind eine gewachsene feste Indie-Band, die seit vielen Jahren zusammenspielen. Auch wenn sie die Arena in Düsseldorf beeindruckend finden, scheinen sie kein Lampenfieber zu haben, da sie schon mal vor ebesoviel Zuschauern als Intervallakt der dänischen X-Factor-Sendung aufgetreten sind.
Indie-Band dürfen sie sich zu Recht nennen, denn ihre Unabhängigkeit bewiesen die Jungs, als sie an einem weltweiten Talentwettbewerb einer amerikanischen Plattenfirma teilnahmen, an dem sich insgesamt 40.000 Band weltweit beteiligt hatten. A Friend in London erreichte die Runde der letzten 10 Bands und reiste zur Ausscheidung nach Los Angeles. Als ihnen dort aber ein Plattenvertrag zur Unterschrift vorgelegt wurde, der sie auf Jahre geknebelt hätte, zogen sie sich aus dem Wettbewerb zurück und reisten ab.
Auch sie sind für uns ein sicherer Final- und auch Top-Ten-Kandidat.
Wenn nun die geneigte Leserschaft anmerken möchte, dass zwei Teilnehmer mit identischen oder ähnlichen Frisuren noch lange keinen Uniform-Trend ausmachen, so erwähnen wir hier der Vollständigkeit halben noch Poli Genova aus Bulgarien, die wir aber bereits zu Anfang dieses Blogs in das Uniform-Thema gezwängt hatten.
von links: Tom Schou, John, Edward, Poli Genova | © Marc Schulte und Martin Schmidtner
2) Auswärtige Einflüsse
Weit weniger als in vergangenen Jahrzehnten bestimmen folkloristische Elemente die Titel des Eurovision Song Contests. Ein Song wie Running Scared aus Aserbaidschan oder What About My Dreams? aus Ungarn hört sich eben nicht mehr ungarisch oder aserbaidschanisch, sondern europäisch an.
Womit wir wieder bei Poli Genova wären, die eben lieber auf Bulgarisch als auf Englisch singt.
Aber insgesamt wird die Sprache immer mehr zum Englischen vereinheitlicht – und dieses Thema beschäftigt auch fast jede Pressekonferenz.
Und die Antwort lautet fast immer, dass es doch ein europäischer Gesangswettbewerb sei und man von möglichst vielen Menschen direkt verstanden werden will. (Zugegeben: „Üks, kaks, seitse, kolm, kehtestatakse Rockefeller Tänav“ würde sich auch etwas merkwürdig singen lassen!)
Slowenien
So ist es auch bei Maja Keuc aus Slowenien. Ihr Song heißt No One und so richtig viel mehr haben wir aus der Pressekonferenz eigentlich nicht zu berichten. Oder interessiert es jemanden, dass sie zweite bei einer slowenischen Casting-Show war und auch schon Musical gesungen hat? Der Titel ist wie Maja Keuc nett und adrett und sympathisch, aber bleibt leider nicht wirklich im Gedächtnis. Leider eine reine Halbfinal-Kandidatin.
Maja Keuc | © Marc Schulte und Martin Schmidtner
Lettland
Anders ist dies bei Lettland. Die sehr sympathische Formation namens Musiqq besteht aus Marats Ogleznevs, der die Songs schreibt und produziert und bei Angels in Disguise rappt, sowie Emils Balceris, dem Leadsänger. Sie begannen 2009 ihre Zusammenarbeit als R’n’B- Hip-Hop-Duo, haben ihre erste Scheibe auf Lettisch veröffentlicht und wechseln nun zum Englischen, um vielleicht außerhalb Lettlands Fuß fassen zu können.
Der lokale Musikmarkt im Baltikum ist klein und umkämpft und es gelingt nicht leicht, darüber hinaus bekannt zu werden.
Musiqq wirken locker und entspannt, witzeln über die riesige LED-Wand der Arena, auf der sie sich gerne auch mal einen ganzen Film ansehen würden und brauchen sich eigentlich keine Sorgen machen. Angels in Disguise – wieder einmal der Engels-Topos, den wir in diesem Jahr schon mehrfach hatten – handelt von den Engeln, die wir nicht gleich erkennen, weil es vielleicht einfach ein Menschen in unserer Nähe sind.
Musiqq im Blut | © Marc Schulte und Martin Schmidtner
Wir wünschen den beiden ein Weiterkommen ins Finale. Ihre Freude an der Musik ist ihnen in jedem Moment anzumerken und ihr rhythmisch sehr gelungener Song mag unaufdringlich sein, macht aber immer wieder Spaß zu hören.
Rumänien
Ähnlich geht es uns mit dem rumänischen Titel Change. Wie auch der Finne Paradise Oskar wollen Hotel FM die Welt verändern. (Die Leserschaft dürfte spätestens an dieser Stelle merken, dass wir eigentlich fast alle Songs unter irgendeinem Thema einordnen können!)
Ihr Lied ist von der Sorte, die wir gerne auf langen Autofahrten oder ganz einfach dann hören, wenn wir das Radio anstellen. Und deshalb wünschen wir den Rumänen auch den Finaleinzug.
Rumänen? Nicht ganz! Der Leadsänger der Band heißt David Bryan und stammt aus Newcastle in England. Hier wurde also nicht nur eine Sprache, sondern gleich ein ganzer Sänger importiert. Doch handelt es sich um keinen Casting-Import für den Song Contest. Vielmehr lernte David vor fünf Jahren eine Rumänin kennen und beschloss, bei ihr in Rumänien zu bleiben. Zurück ließ er ein Leben als Fabrikarbeiter und eine Familie, die ganz sicher nächsten Donnerstag für ihn anrufen wird.
Von links: Gabriel Băruţa, David Bryan, Alex Szuz | © Marc Schulte und Martin Schmidtner
Solche Geschichten hören wir gerne und dass David neben dem ESC-Song auch Oper singen und rappen kann, davon überzeugt er uns in der Pressekonferenz.
Und im äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass Rumänien den ersten Platz gewinnen sollte, wird David Bryan sich seines Kostüms entledigen und splitterfasernackt um die Arena rennen. Das würde sich sicher manch einer der Fans wünschen.
Mazedonien
Vlatko Ilievski ist Musiker und Schauspieler und aus Mazedonien. Rusinka heißt sein Lied und startet zwar auch mit einer englischen Strophe, um dann aber ins Mazedonische zu wechseln – eine weitere beliebte Variante der Sprach-Angleichung beim Eurovision Song Contest. Irgendwie ist es aber auch egal, denn der Sänger versteht auch die Worte der schönen Russin nicht, die er in seinem Lied besingt. Aber was macht’s? Es gibt ja die Musik und den Wodka und sie kann es ihm ja irgendwann beibringen – oder so ähnlich.
Vlatko Ilievski in Begleitung | © Marc Schulte und Martin Schmidtner
3) Ausreißer
Bei aller Uniformität und Sprachvermischung gab es doch zwei Ausreißer, die wir heute nicht ins Schema gequetscht bekommen:
Israel
Da ist zunächst mal Dana International aus Israel. Gerade eben noch sahen wir sie auf der Bühne der Arena proben, versteckt hinter einer großen dunklen Sonnenbrille, wobei sie sich bei den Proben wohl hauptsächlich auf den Gesang konzentrierte, dann verkündete der Moderator der Pressekonferenz plötzlich, dass die Pressekonferenz „aufgrund einer Verspätung ihres Fluges aus Israel“ abgesagt worden sei.
So eine Verspätung ist natürlich eine unvorhersehbare Angelegenheit. Uns wundert nur, dass wir bereits 3 Tage zuvor auf eine Interviewanfrage eine Antwort aus Israel erhielten, in der es hieß, dass Dana keine Interviews geben werde, wir aber ganz herzlich zu ihrer großen Pressekonferenz am 7. Mai eingeladen seien. Dies ist aber bereits die geplante Pressekonferenz der zweiten Proberunde. Im Blick auf den Flug aus Israel scheint Danas Management also hellseherische Fähigkeiten besessen zu haben.
Eine Diva ist angereist.
Weißrussland
Für Weißrussland singt Anastasiya Vinnikova I Love Belarus. Bereits der Auswahlprozess des Songs und der Sängerin hatte in der Tradition weißrussischer Demokratie stattgefunden.
Ein Herz für Weißrussland Anastasiya Vinnikova | © Marc Schulte und Martin Schmidtner
Nun ist sie also in Düsseldorf und wir erfuhren während der Pressekonferenz, wie schön ihr Heimatland sei, wie toll die Altstädte, wie gelungen auch die Neubauten, wie beeindruckend die Kirchen und Kathedralen und wie nett alle Menschen seien.
Das wird sicher auch niemand anzweifeln wollen, doch Unmut regte sich dennoch und brachte der Pressekonferenz zum ersten Mal etwas heiklere Minuten. Der Schatzmeister des Fanclubs ECG (Eurovision Club Germany) fragte, ob man wirklich ein Land lieben könne, das von den meisten europäischen Regierungen als die letzte Diktatur in Europa bezeichnet wird?
Man könne doch Belarus durch Deutschland oder die Niederlande ersetzen – dann würde es doch jede und jeder mitsingen können. Und ob der Fragesteller denn schon mal in Weißrussland gewesen sei? – so die Antwort.
Und auch der Kulturwissenschaftler Dr. Irving Wolther, der mit seiner Promotion "Kampf der Kulturen - Der Eurovision Song Contest als Mittel national-kultureller Repräsentation" gewissermaßen Experte für eine solche Frage ist, warf ein, dass natürlich jeder Mensch das Recht habe, sein Land zu lieben und auch darüber zu singen.
Beifall aus dem Saal bekamen übrigens beide Diskutanten für ihre Statements.
Natürlich ist Anastasiya nicht wirklich die Ansprechpartnerin für diese Frage, die eigentlich an das weißrussische Fernsehen oder an die EBU (European Broadcasting Union) gweitergeleitet werden müsste.
Aber wie sehr Weißrussland alljährlich die Propagandamaschinerie heiß laufen lässt, um sich beim ESC musikalisch zu präsentieren, bereitet tatsächlich Magenschmerzen.
Die EBU begreift sich unpolitisch. Liedtexte dürfen keinen expliziten politischen Inhalt enthalten und auch bei den Pressekonferenzen sind politische Diskussionen nicht erwünscht. So findet sich auch auf der EBU-Eurovisions-Website im - bei anderen Ländern sehr ausführlich gehaltenen - Bericht von der Pressekonferenz keine Wiedergabe der obigen Frage und auch die Frage eines Kollegen von queer.de, ob in Anastasiyas Liebe zu Weißrussland auch die Liebe zur gay community enthalten sei, wird bei eurovision.tv totgeschwiegen. Dabei lehnte sich die Künstlerin gerade hier aus dem Fenster und antwortete, dass sie das völlig in Ordnung fände und persönlich auch schwule Freunde habe.
Der Moderator Branislav Katic erklärt uns nach der Pressekonferenz auf Nachfrage, dass das Heraushalten von politischen Fragen doch auch ein Schutz für die Künstler und Künstlerinnen sei. Gerade bei Ländern mit schwierigen politischen Verhältnissen würden die angereisten Sängerinnen und Sänger durch solche Fragen zu Statements genötigt, die sie vielleicht privat gar nicht geben würden.
Dieses Argument leuchtet uns ein. Die Diskussion ist reichlich vertrackt und begegnet uns immer wieder: Wo ziehen wir Grenzen? In welche Länder reisen wir? Wo finden Olympische Spiele statt? Wo präsentieren wir uns mit einer Kulturausstellung?
Weißrussland ist durch die Wahlen im vergangenen Dezember im Blickpunkt unserer demokratischen Sensibilität. Doch auch in Moskau 2009 hatten wir diese Diskussion - und was macht die EBU, wenn sich – wie immer wieder zu hören ist – Katar um eine Teilnahme am Song Contest bemüht? Einen Songcontest ohne die schwulen Fans?
Wir sind auf jeden Fall immer noch am diskutieren – doch persönlich zieht es uns auch die Fußnägel hoch, wenn I Love Belarus ertönt, denn es ist in seiner Einfachheit und Plattheit ein genialer Beitrag. Assoziationen zu Russendisco lassen die Füße zucken und es kostet Beherrschung, nicht mit in den Refrain zu verfallen.













