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Icon   Euro-Vision 2012 - Das ESC-Blog von Marc Schulte und Martin Schmidtner

Vom Rhythmus des Mittelmeers / Streifzüge durchs ESC-Starterfeld, Teil 2

Marc Schulte • 18. April 2012

Marc Schulte
Heute wenden wir unsere Aufmerksamkeit weg von Aserbaidschan und der Politik und der Musik zu, um die es beim Eurovision Song Contest schließlich auch geht. Hier der Blick auf die Beiträge der Mittelmeerländer:

In unserem ersten Streifzug durch den Balkan begegneten wir viel unerfüllter Liebe, Herzschmerz, Schwermut und Melancholie. Liebe gibt es natürlich auch am Mittelmeer, doch ist sie dort eher von Lust und Erfüllung geprägt, kommt musikalisch schwungvoller und rhythmischer daher und lässt sich meist gut tanzen.

Griechenland

Griechenland tanzt mit Eleftheria Eleftheriou singt den Song Aphrodisiac die Euro-Krise hinweg.
„Du bewirkst, dass ich tanze wie eine Verrückte, du bewirkst, dass ich dein Aphrodisiakum sein möchte.“ Deutlicher geht es wohl nicht… Berühmt wurde die Sängerin über die Casting Show X-Factor 2009, aus der sie zwar herausgewählt wurde, doch Show-Gastgeber Sakis Rouvas förderte dennoch ihre Karriere, indem er sie als Gaststar in eigenen Konzerten auftreten ließ. 2010 wurde sie bei der griechischen Vorentscheidung zum ESC disqualifiziert, weil ihr damaliges Lied nicht wie erforderlich bis kurz vor der TV-Sendung geheim gehalten, sondern in einem Club gespielt wurde. Ob es der Ankurbelung der heimischen Wirtschaft dienen sollte, dass die nationale Präsentation in einem Einkaufscenter abgehalten wurde, soll nicht weiter kommentiert werden, aber sehenswert ist das allemal:  


 

Der Song stammt, wie bei Euro-Pop eben so üblich, aus schwedischen Federn und bietet alles, was wir in den vergangenen Jahren schon so oft gesehen und gehört haben – in der Choreographie greift man auf Altbewährtes zurück und selbst unter den Tänzern entdecken wir alte Bekannte. Doch warum sollte dieses Jahr schief gehen, was so oft geklappt hat, mögen sich die Griechen gedacht haben und südeuropäischer Euro-Dance-Pop läuft eben immer gut.
Und wer sich beim ersten Semifinale wieder mal darüber ereifern möchte, dass es für Griechenland (Startnummer 3) 12 Punkte aus Zypern geben wird, der möge berücksichtigen, dass Eleftheria Eleftheriou gebürtige Zypriotin ist.

 

Israel

Abendliche Stimmung im Freien, die Grillen zirpen: „Ladies and Gentlemen, it´s time for the Izabo Show“ – so beginnt der 70er-Jahre-Retro-Song aus Israel der Gruppe Izabo mit dem Titel Time. Izabo ist seit 2003 im Musikgeschäft tätig und ihre Musik ist eine wilde Mischung aus Rock, Punk, Pop und arabischen Einflüssen. Besonders gefällt uns natürlich ihr Video zum Titel On my way – endlich wird dem Teddybären einer Band mal ein würdiges Denkmal gesetzt!
Doch für den ESC 2012 geht es um die Zeit. Der auf Englisch und Hebräisch gesungene Text handelt davon, dass die Zeit sich doch einfach mal schlafen legen sollte. Ein charmantes Plädoyer zur Entschleunigung, das die musikalische Zeit bis zurück zu den Eis-am-Stiel-Filmen dreht: mehr Retro geht einfach gar nicht! Mit dieser Lazy-Feels-Good-Atmosphäre und der Startnummer 10 im ersten Semi hat der Song gute Chancen, sich abzuheben und für einen Finaleinzug zu sorgen.

 

Zypern

Wenn Zypern auf Startplatz 12 im ersten Halbfinale folgt, dann spätestens wird klar: die Seele des Mittelmeeres ist eine andere als die des Balkans: Weg mit Melancholie und Schwermut, her mit Bauchtanz und Liebesglück. Zypern hat sich entschieden Euro-Pop vom Feinsten zu präsentieren: Das Lied La La Love hat einen, nennen wir es euphemistisch einfachen Text: Fühl die Energie zwischen dir und mir, die ist so gut, Oh, wie habe ich darauf gewartet Lala... lala lala lalala... lala lala lala love.
Die Sängerin Ivi Adamou war in der gleichen Casting Show (X-Factor 2009) wie ihre griechische Kollegin Eleftheria Eleftheriou, kam aber weiter und erreichte einen sechsten Platz. Vielleicht wird aus dieser Zeit noch ein wenig Rivalität in Baku aufblitzen. Der Song wurde seit dem Vorentscheid noch aufgepeppt und wirkt nun im Preview-Video moderner und zeitgemäßer als damals:

 

Malta

Was sollen wir da noch zu Malta schreiben? Männer machen Gute-Laune-Songs, das war so im letzten Jahr und das ist so in diesem Jahr. Die Sonne auf der Mittelmeerinsel scheint die Menschen einfach zufrieden und glücklich zu machen und davon singt in diesem Jahr Kurt Calleja This Is The Night. This ist he night, I will be the star, Let me into your heart  - zu zweit kann man die Sterne erreichen, das ist doch wohl klar… 


 

Calleja liegt mit dem Song voll im Trend des Jahrgangs, möglichst viele staccato gesungene Oh, Oh, Oh’s, Ah, Ah, Ah’s oder Hey, hey, hey’s im Songtext unterzubringen und dennoch dürfte das zweite Semifinale die einzige Nacht bleiben, in der er sich wie ein Star fühlen kann.
Wer trotzdem zu Hause die Choreographie einüben möchte, kann dies gerne tu. Hier ist das Jane-Fonda-Video zum Üben.

 

Türkei

Auch im zweiten Halbfinale und doch ganz anders: die Türkei hat eine ausgezeichnete Wahl getroffen und schickt mit dem Indie-Ethno-Pop-Song Love me back den unglaublich sympathisch wirkenden Can Bonomo nach Baku. Nach 36 Sekunden der orientalischen Einstimmung beginnt der Liedtext über die Liebe eines Seemanns zum Ozean und zu seiner Freundin: Spring auf mein Schiff und ich werde dir das Fliegen beibringen.
Wer hätte gedacht, dass die Türken uns einen Piraten schicken, der das Ziel hat, unsere Herzen zu erobern? 


 

Normalerweise Verfechter eines Publikumsentscheids beim ESC, freuen wir uns doch immer wieder über die ohne jede Publikumsentscheidung getroffenen Entscheidungen des türkischen Senders TRT bei seiner Kandidatenauswahl. In den vergangenen 10 Jahren hatten wir etliche großartige Acts aus der Türkei beim Song Contest, wie beispielsweise die Ska-Band Athena (2204; 4.Platz) oder die Rockband maNga (2010; 2. Platz). Die Türkei hat zwar seit 2003 keinen Sieg davongetragen, aber ihre Bilanz an Top-Ten-Titeln ist dafür umso beeindruckender. Dennoch erhält der Sender für seine Auswahl oft Schelte in der Heimat – in diesem Jahr bekam die Kritik einen bitteren antisemitischen Beigeschmack, da Cans Wurzeln die Sephardim sind, die im 15. Jahrhundert nach der Vertreibung aus Spanien in der Türkei ihre Heimat fanden. „Ich bin ein türkischer Jude, meine Religion ist meine Sache“ sagte Can Bonomo dazu dem Tagesspiegel.
Bei unserer privaten Wertung liegt der türkische Seemann auf jeden Fall weit vorne. Songs wie der seine oder der israelische Beitrag heben sich wohltuend vom Euro-Trash-Einerlei ab und machen den Reiz des Song Contests aus - auch wenn beide sicher keinen Sieg erringen werden.

 

Was fehlt...

Natürlich gehören auch Spanien und Italien zum Mittelmeerraum, doch die beiden wollen wir als bereits fürs Finale qualifizierte Länder der sogenannten Big Five in einem gesonderten Streifzug aufsuchen.

 

 

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