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Icon   Euro-Vision 2012 - Das ESC-Blog von Marc Schulte und Martin Schmidtner

Von der Liebe im Norden: Skandinavien und das Baltikum / Streifzüge durchs ESC-Starterfeld, Teil 3

Marc Schulte • 22. April 2012

Marc Schulte
Aus den skandinavischen Kernländern des Eurovision Song Contests und dem Baltikum kommen sehr unterschiedliche Liebeslieder

Nach unserem Streifzug entlang des Mittelmeers reisen wir nun in den Norden und treffen mit Schweden auf das Mutterland des Euro-Pops sowie mit Norwegen und Dänemark auf gelungene Bestrebungen, dem gleichzuziehen. Island und die Länder des Baltikums setzen eher auf klassische Balladen:

 

Island

In einen Fantasy-Film versetzt fühle ich mich, wenn ich die ersten Klänge des isländischen Beitrags höre. Pathetisch und bedeutungsschwanger singen Gréta Salóme & Jónsi Never Forget und beschwören eine gemeinsame Liebe, die kurz vor ihrer Erfüllung zu stehen scheint, aber noch glauben beide nur fest daran, wissen es aber noch nicht. Nach einigen Sekunden schunkele ich mit, bin wenig überrascht über das zwischenzeitlich einsetzende obligatorische Geigengeschrammel und horche erst auf, als plötzlich nach 150 Sekunden die Musik irgendwie innehält - wahrscheinlich hat da ein Dramaturg schon seine ersten Vorüberlegungen für die Bühne in Baku einfließen lassen…

 


 

Der 1977 geborene Jónsi ist zum zweiten Mal dabei: Bereits 2004 versuchte er sich in Istanbul mit Heaven und wir hoffen inständig, dass die acht Jahre seitdem für ein wenig Gesangsunterricht genutzt wurden, denn der damalige Titel, der als Cover-Version von Don t Cry for Me Argentina begann und irgendwo endete, schaffte es völlig verdient nur auf Platz 19 von 24. 

Mit Startnummer 2 im ersten Semi-Finale mag es wohltuend und erlösend nach Montenegro wirken, ist aber mit Startnummer 3 vermutlich auch schon wieder vergessen.

 

Lettland

An Simplizität in Melodie und Text nicht zu unterbieten, aber in der Eingängigkeit nicht zu übertreffen, ist das Lied Beautiful Song aus Lettland, das uns Anmary vorträgt. Bei den ESC-Fans kommt es immer gut an, wenn man selbstreferentiell den Eurovision Song Contest besingt:

I was born in distant 1980
The year that Irish Johnny Logan won
Thirty years or more, they still remember
So dream away, today’s the day I’m singing my song

Es geht um den Traum ein Star zu werden – Anmary kann diesen Song noch lange singen….

Zwar entpuppt er sich gut abgemischt in der Version des Preview-Videos als eingängiger und netter Ohrwurm, doch wir wollen unseren Leserinnen und Lesern auf keinen Fall die live gesungene Variante vorenthalten: deren Aufmachung in der lettischen Vorentscheidung lässt uns Anmary bestenfalls in einer Kategorie siegreich erscheinen: Bestes Kinderlied.

Obwohl es allen Fans sicher Tränen der Rührung in die Augen treiben wird, dass das nunmehr etwas verstaubte Relikt des Kleiderwechsels wieder aus dem Keller geholt wurde.

 

Finnland

Aus Finnland kommt ein wirklich schönes Lied, das wie die Hintergrundmusik einer Filmszene wirkt, in der die Hauptdarstellerin nach einem schweren Schicksalsschlag überlegt, sich wieder aufzurichten.
Der schwedischer Text (es lebt eine große schwedisch-sprachige Minderheit in Finnland) ist ebenso poetisch wie kryptisch:

Wie ein See ohne Wasser,  wie eine Laterne ohne Licht,
ein Leben ohne Farben, das bist Du nicht.
[Du bist] jemand, den man mit verschlossenen Augen sieht, wie einen Engel in früheren Zeiten,
Jemand, der einem das Fliegen wieder beibringt, wenn man vergaß, wie es ging.
Wie Liebe ohne Gefühle und Lachen ohne einen Laut,
oder ein Leben ohne Farben – so bist Du nicht.
[Du bist] jemand, der seine Sorgen vergisst, wie eine Frau mit Mut,
Jemand, der versteht, auch wenn wir wortlos sprechen.
Setz Dich, wir halten Deine Hand,
sag uns, wer Du bist, uns gibt es füreinander,

all diese Erinnerungen wären nichts ohne dich.

In Skandinavien sind die Finnland-Schweden für ihre sentimentalen Lieder bekannt und auch die bis dahin in Finnland völlig unbekannte Erzieherin Pernilla Karlsson, die bisher Singen nur als Hobby betrieb, scheint mit ihrem vom Bruder geschriebenen Titel När Jag Blundar (Wenn ich die Augen schließe) den Nerv ihrer ebenso sentimentalen Landsleute in Finnland getroffen zu haben.

Mit ihren schwedischen Nachbarn hat die finnische Performance die Neigung zum expressionistischen Tanz gemein.
 

 

Dänemark

Dänemark entsendet die 21jährige Sängerin Soluna Samay mit dem poppig-flotten Song Should´ve known better.


 

Laut ihrer Homepage fühlt sich die in Guatemala als Tochter eines Straßenmusikers und einer Künstlerin geborene Soluna musikalisch von den Beatles bis zu Britney Spears inspiriert und nennt ihren Stil „gypsy pop“.

Traurig-melancholisch wird eine unglücklich-schöne Liebe besungen:

Should've known better
Now I miss you
like Sahara miss the rain
Changing like the weather
Maybe it's true
Maybe you're not gonna change.

Was angesichts dieses Anspruches die Karnevalverkleidung als Marineangehörige soll, ist uns nicht so ganz klar. Doch die Performance wird bis Baku sicher noch etwas durchgestylt.
Wir mögen das Lied – es wird am 22.5. zwischen Zypern und Russland auf Platz 13 starten. Prognosen wagen wir dennoch nicht: es kann abräumen aber auch ebenso wie die Schwedin Bergendahl vor zwei Jahren im Halbfinale scheitern, zumal die sicheren Punkte aus Schweden und Norwegen fehlen, denn diese starten im zweiten Halbfinale.  

 

Schweden

Lorine Zineb Noka Talhaoui oder kurz Loreen singt für Schweden Euphoria und auch wir sind euphorisiert von dieser Nummer… Besonders gefällt der Einsatz des Bügelverschlusses einer Trinkflache bei 1:20:


 

Euphoria
Forever, till the end of time
From now on, only you and I
We're going u-u-u-u-u-up...
Euphoria
An everlasting piece of art
A beating love within my heart
We're going u-u-u-u-u-up...

Nach Baku wünschen wir als Fans uns nahezu einen Contest im nächsten Jahr in Schweden und Euphoria ist tatsächlich hochfavorisiert, doch wir wissen inzwischen nur zu gut, dass dies bedeutungslos bleibt. Im letzten Jahr war es Katie Wolff, die von uns und anderen hochgelobt, dann doch nur auf Platz 22 abgeschlagen wurde.
Immerhin sehen die Buchmacher die Schwedin momentan klar an der Spitze. Ganz Schweden hatte sie ja bereits im März im Sturm erobert.

 

Estland

Ein Siegertitel wird es nicht werden, der estnische Beitrag. Die Verwandten der Finnen reisen mit Ott Lepland und der Ballade Kuula im Gepäck zum zweiten Semifinale.

Kuula ist die Aufforderung: Hör zu:

Hör auf meine Stimme, die Dich ruft,
Hör auf das, was verstummt ist,
hör auf jene einfachen Momente
höre! – mein Herz hat eine Stimme
Hör mir zu.

Nicht nur das Ott Leplands Herz hat eine Stimme, sondern auch sein Kehlkopf – und die ist einnehmend und angenehm. Singen kann der Gewinner von EOS - Eesti otsib superstaari 2009 auf jeden Fall. Hoffen wir, dass dies die Zuhörer des Song Contests auch wahrnehmen.

 

 

Norwegen

Neidvoll blickte Norwegen letztes Jahr auf Schweden. Während der norwegische Beitrag im Halbfinale auf Platz 17 scheiterte, schoss der Popular von Eric Saade auf den dritten Platz im Finale. Also gibt es diesmal etwas Ähnliches aus Norwegen:

 


 

Tooji im coolen Hoodie singt Stay. Wir haben dieses Lied bereits besprochen und werden hier auch mal selbstreferentiell:

Der im Iran geborene Sänger, mit bürgerlichem Namen Touraj Keshtkar,  kam im Alter von 1 Jahr mit seiner Mutter nach Norwegen, arbeitete als 16jähriger zunächst als Model und derzeit als Moderator für MTV Norwegen.

Sein Song ist guter Pop, im Refrain vielleicht etwas zu altbacken geraten, aber ansonsten durchaus am Puls der Zeit, energiegeladen, gut tanzbar, sehr einnehmend und mit viel synthetischem Sound. Passend fürs Gastgeberland gibt es dann auch noch die orientalische Note und das Ganze ist natürlich perfekt durchchoreographiert! Interessieren wir uns da noch für den Text? Tooji singt Englisch und es geht um Musik, die ihn frei macht und den Rhythmus, den er spürt und um Leute, die ihm zurufen, er solle doch noch lauter aufdrehen und der Gute weiß gar nicht, wie ihm geschieht und möchte natürlich nur, dass Du bleibst….usw.

Es ist kein Song mit Seele, aber einer, der es weit bringen dürfte in Baku.

 

Litauen

Letzter Teilnehmer im zweiten Semifinale und damit auch letzter des Nordblockes: Litauen. Donny Montell, eigentlich Donatas Montvydas, singt Love Is blind. Seit 2009 bemüht sich der 1987 geborene Litauer zum ESC zu kommen, im Jahre 2010 schreckte er auch nicht vor einem Duett mit Sasha Son zurück, dem Vertreter Litauens in Moskau 2009.

Jetzt hat es geklappt, mit einem Song, der sich nicht entscheiden kann. Flehentlich wirbt Donny Montell darum, dass seine Angebetete ein Einsehen hat und ihm noch einmal eine Chance gibt. Seriös im Anzug beginnt das Lied als Musical-Schmonzette, um dann bei 1:30 mit dem Abreißen der Augenbinde (Liebe ist ja blind) und dem Einsetzen von Disco-Stampfern in einen ernstgemeinten Jungmänner-Whitney-Houston-Verehrungsteil überzugehen, der aber nur noch 90 Sekunden andauert. Kompliment für die kleine akrobatische Einlage, doch nach diesem Lied wird Whitney jedenfalls nicht zurückkommen.  
 

 

 

Bilanz für den Nordblock:

1 Duett, 4 Frauen, 3 Männer, 1 mal schwedisch, 1 mal estnisch, 6 mal englisch und eigentlich alles irgendwie Liebeslieder….

 

 

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