Ende Mai ist es wieder soweit: 41 Länder kämpfen um die Siegestrophäe beim Eurovision Song Contest und inzwischen stehen alle Titel für Baku fest. Wir wollen sie diesmal geographisch gebündelt vorstellen und durchschreiten in einem ersten Streifzug die Länder des Balkans, sind großzügig in der geographischen Zuordnung und fragen: Was hat der Balkan so im Gepäck für 2012? Und vor allem: gibt es sie vielleicht, die so oft zitierte und doch nicht wirklich klar umrissene „Seele des Balkans“?
Montenegro
Schon der erste Beitrag im ersten Semifinale am 22. Mai aus Montenegro bricht mit dem Mythos des unpolitischen Song Contests: Mit Euro Neuro wird die Finanzkrise besungen oder soll man eher sagen in Balkan-Sprech-Rap vorgetragen.
Euro neuro
Don't be sceptic, hermetic, pathetic, analphabetic
Forget old cosmetic, you need new poetic, esthetic, eclectic, dialectic
Euro neuro
Don't be dogmatic, bureaucratic, you need to become pragmatic
To stop change climatic, automatic
Need contribution from the institution to find solution for pollution
To save the children of the evolution
Antonije Pušić, der sich den Künstlername Rambo Amadeus gegeben hat, ist seit 1988 im Musikgeschäft tätig und im Balkan bekannt für seine satirischen Texte, die alltägliches Verhalten und die Politik auf die Schippe nehmen. Der erste UNICEF-Botschafter Montenegros bewegt sich bei seinen Konzerten auf einem Grat zwischen Musik und Stand-Up-Comedy. Spontaneität und Improvisation sind ihm dabei wichtiger als pure Wiedergabe seiner Songs – darauf müssen wir in Baku jedoch leider verzichten, doch dank Rambo Amadeus gibt es beim diesjährigen Song Contest auch mal wieder zwei Textzeilen auf Deutsch:
Blaue Grotte Ausflug do Žanjica
Heute habe obotnica (Tintenfisch)
Albanien
Albanien hat diesmal mit seiner Tradition gebrochen und das Lied nicht ins Englische übersetzt, sondern bleibt in der Landessprache.
Rona Nishliu, die den Song Suus mit einer beeindruckenden stimmgewaltigen Kraft vorträgt, ist seit 2004 im Musikgeschäft und kommt eigentlich aus dem Kosovo. Doch ihr Land darf beim Eurovision Song Contest nicht antreten. Denn obwohl 89 Staaten das sich 2008 für unabhängig erklärte Kosovo inzwischen anerkannt haben, ist es noch nicht Mitglied der ITU, der International Telecommunication Union, und diese Mitgliedschaft ist Voraussetzung für die Mitgliedschaft in der EBU, dem Ausrichter des Song Contests. Und insofern…
Die Refrainzeile Më ler ni të qaj... qaj... qaj... bedeutet schlicht und einfach: Lass mich weinen, weinen, weinen….oder aber: Lass mich schreien, schreien, schreien - und genau das tut Rona drei Minuten lang mit tiefster Inbrunst.
Aber es geht ja auch um eine Liebe, die ohne Hoffnung war und ist. Ja, das ist schwere Balkan-Melancholie….
Rumänien
Nach diesem schwermütigen Lied kommt im ersten Semifinale unmittelbar folgend Rumänien mit Zaleilah und überrascht mit lateinamerikanischer Lebensfreude auf Spanisch und Englisch! Die seit 2002 bestehende Gruppe Mandigna aus Bukarest hat für sich den Latin-Pop entdeckt und statt dem Wunsch nach Weinen heißt es nun: "Ich will tanzen, ich bin glücklich, ich kann es laut herausrufen: Zaleilah leilah lei, everyday, everybody. "
Moldawien
2009 verließ Pasha Perfeny die Gruppe SunStroke Project – ein Jahr später vertrat die Gruppe mit Run Away Moldawien in Oslo – deren damaliges Markenzeichen: ein Saxophon. Moldawien scheint eine gewisse Affinität zu Blasinstrumenten beweisen zu wollen, denn nun ist der ehemalige Leadsänger selbst an der Reihe und singt Lăutar. Das ist das rumänische (die Landessprache auch Moldawiens) Wort für einen Gipsy-Musiker und deren traditioneller Musikstil fließt unüberhörbar in Pashas Musik und Performance ein, wenngleich der Text auf Englisch vorgetragen wird. Besungen wird die betörende Macht der Trompete, mit der der Musiker sein geliebtes Mädchen erobern kann. Ihr Klang führt sie direkt zu ihm - ja, so einfach ist es manchmal und wir bekommen dafür eine neue Musikgattung: den fröhlichen Gipsy-Trompeten-Pop. Sehr nett!
Und so erreichen wir auch schon das zweite Halbfinale am 24. Mai, das gleich mit zwei Balkanländern startet: Serbien und Mazedonien, das ja immer noch FYROM (Frühere jugoslawische Republik Mazedonien) zu nennen ist.
Serbien
Mit der Ballade Nije ljubav stvar möchte Željko Joksimović die Herzen öffnen für diese so schöne Mischung aus Geigen, Herzschmerz, Wehmut und Gefühlen.
2004 begeisterte er uns bereits mit dem unvergesslichen Lane moje, das damals den zweiten Platz belegte und davon handelte, wie man sich fühlt, wenn die einstmals geliebte Frau jetzt auf neuen Wegen schreitet.
Sein für Bosnien-Herzegowina geschriebenes Lied Lejla belegte 2006 den dritten Platz und handelt davon, dass Lejla geliebt wird, obwohl es nicht erlaubt ist: Könnte sie einen anderen lieben?
Und 2008 schließlich gab es einen sechsten Platz für Serbien im eigenen Land mit der Ballade Oro, die er für Jelena Tomasevic und Bora Dugic komponierte. Und wieder ging es um eine verflossene Liebe. Wenn sie ihn küsst, möchte sie nur noch schlafen, in ihr sind keine Tränen mehr, so viel habe sie geweint.
2012 nun also wieder der Meister selbst. Und worum geht es diesmal im Text?
Liebe ist keine Sache, die man einfach zurückgeben kann, sie ist eben einfach da. Und es geht diesmal – Überraschung!!! - wieder um eine nicht erwiderte Liebe. Natürlich wünscht er ihr alles Gute, doch seine Liebe ist das Wrack, das übrig bleibt
Dem Schreiber dieser Zeilen entrutscht an dieser Stelle ein großer Seufzer....
Mazedonien
Und was macht Mazedonien. Kann es textlich mithalten? Ja!
Kaliopi singt in ihrem Lied Crno i belo, dass alles schwarz und weiß ist und dass die Gegensätze sich in der Liebe ergänzen:
ich wähle die Freude, du wählst die Sorge,
Die Hälfte von dir ist bei mir, die Hälfte von dir schläft bei mir.
Kaliopi ist in Mazedonien unbestritten ein Star und hatte ihre ersten Auftritte mit 10 Jahren anno 1976. 1996 sollte sie Mazedonien schon einmal beim Eurovision Song Contest vertreten, scheiterte damals ebenso wie Deutschland an der internen Vorauswahl.
Tja, Liebe ist auf dem Balkan eben nicht einfach – da zeichnet sich ein anderer Trend ab als in den südeuropäischen Liebesliedern, die wir in einem der nächsten Streifzüge vorstellen werden. Allerdings bringt Mazedonien rockigere Töne als seine Nachbarländer.
Nach fünf balkanfreien Titeln im zweiten Semifinale kommt ein Dreierblock: Bulgarien, Slowenien und Kroatien.
Bulgarien
Sofi Marinova wartet mit dem Titel Unlimted Love für Bulgarien auf. Sie gilt als eine der beliebtesten Sängerinnen in Bulgarien und produziert Solo-Alben seit 1997. Ihr Song unterscheidet sich deutlich von den anderen hier vorgestellten: wie schon oft reist Bulgarien mit modernen elektronischen Rhythmen zum ESC. Der diesmal leicht trancige Rhythmus unterlegt eine Botschaft, die zwar auch um die Liebe kreist, jedoch viel unproblematischer als bei den bisher vorgestellten: Liebe kennt keine Grenzen, stört sich nicht an Sprachen und Hautfarben, sie erkennt nicht, wer arm ist oder reich, jeder in der Welt singt über die Liebe und ich liebe dich, nur dich, es gibt keine Grenzen für uns.
Nachts um vier in einem Euro-Dance-Club sicher eine ganz feine Nummer, die durch die sinnfreien Textzeilen Dorem dem dem dej noch verstärkt wird. Doch die Fähigkeit der Sängerin, fünf Oktaven zu singen, wird hier leider nicht demonstriert und ob es für Bulgarien eine Finalteilnahme geben wird, erscheint eher zweifelhaft.
Slowenien
Der Komponist des serbischen Siegertitels 2007 Molitva (Gebet) Vladimir Graić unterstützt diesmal Slowenien und die am 1. Dezember 1995 geborene Sängerin Eva Boto, die damit als jüngste Teilnehmerin ins Rennen geht. Und das Lied Verjanem (Ich glaube) handelt davon, dass der Glaube an die Liebe bis zum Ende bleiben wird, dass man sich wieder sieht und dann gemeinsam zurückkehrt zum Fluss der Lichter. Und dass sie niemals aufgeben und überleben wird.
Das ist großes Balladenkino mit der beliebten Steigerungswirkung erzielenden Harmonie-Rückung – aber es ist eben auch ein wenig 2007 und Molitva. Doch immerhin verspricht Verjanem im Gegensatz zum Herzschmerz der meisten Balkan-Balladen ein wenig Hoffnung – und die sollte Eva Boto mit ihren 16 Jahren noch haben.
Kroatien
Nina Badrić vertritt Kroatien mit dem Lied Nebo (Himmel). Sie hatte sich seit 1993 schon mehrmals für die ESC-Teilnahme beworben - nun hat es geklappt. Das ruhig, nur mit Gitarrenbegleitung beginnende Lied wird zunächst mit Streichern und dann mit einer immer stärkeren Instrumentierung aufgepeppt und verliert sich dann gegen Ende hin leider völlig im Glockenspiel.
Textkenntnis ist hier absolut nötig, denn es geht wieder einmal um die Liebe, die sie für ihn immer noch empfindet, obwohl er eine andere zu lieben scheint.
Doch zum Glück gibt es göttliches Eingreifen und Vergeltung:
Der Himmel zahlt alles zurück und erinnert sich an alle Schulden, die man hat.
Jeder von uns kann träumen, aber der Himmel bestimmt unseren Weg
Der Himmel zahlt alles zurück, jemand da oben sieht alles
Meine Tränen werden zu Deiner Bürde im Himmel.
Haben wir erwähnt, dass sich fast 88 % Kroatiens zum Katholizismus bekennt?!
Im Video ist dies ja alles sehr schön verdeutlicht – gerade die Frauentränen, die zu den Fesseln der Männer werden – wir sind gespannt, wie dies auf der Bühne umgesetzt werden wird.
Bosnien-Herzegowina
Und dann kommt dann im zweiten Semi-Finale als vorletzter Beitrag noch Bosnien-Herzegowina. Maya Sar, die 2004 und 2011 als Background-Sängerin für ihr Land auftrat, darf nun den Schritt in die erste Reihe wagen – mit dem Lied Korake ti znam – ich kenne deine Bewegungen. Und wir hören ein Lied, das für mich zur Stimmung „Beim-Regen-aus-dem-Fenster-schauen“ oder „Vor-dem-Kamin-sitzend-ins-Leere-blicken“ passt.
Und in der Tat geht es um eine Liebe, die am Scheideweg steht. Wie geht es weiter, nachdem sie feststellt, dass sie ihn von Tag zu Tag weniger kennt und das Gefühl hat, dass er sich Stück für Stück unbewusst fortbewegt. Doch was sie wirklich will, ist ihr noch nicht so richtig klar.
Von der Seele gesungen....
Was gilt es also zusammenfassend zu sagen?
In ihrer Landessprache singen 7 der 10 hier dem Balkan zugerechneten Länder, es gehen 3 Männer und 7 Frauen an den Start und 9 der 10 Lieder behandeln das Thema Liebe - mit einer deutlichen Schlagseite zur Melancholie.
Und ja – es gibt sie anscheinend, die Seele des Balkans und sie zeigt sich in diesem Jahr in den von dort kommenden Titeln vorwiegend als schwermütig und balladesk. Da dürfte es schwer für die einzelnen Titel in Baku werden, sich von den anderen abzusetzen und zu punkten. „Zum Glück gibt es ja die Nachbarschaftswertungen“ hören wir da schon einen altbekannten Einwurf, denn gerade die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens werden ja gerne dieser Praxis bezichtigt. Doch gerade, wenn wir uns wie hier all deren Titel hintereinander anhören und betrachten und die starken Gemeinsamkeiten spüren, wird einmal mehr deutlich, dass diese vermeintlichen Nachbarschaftswertungen eben viel mehr in einem gemeinsamen Geschmack und einer gemeinsamen musikalischen Geschichte gründen als in irgendwelchen strategisch-politischen Verschwörungsplänen.













