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Zwischen Verweigerern und Verteidigern des Existenzrechts Israels

Reinhard Schramm • 18. April 2012

Reinhard Schramm
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad leugnet den Holocaust, spricht dem jüdischen Staat das Existenzrecht ab, ruft zum Kampf gegen Israel auf, finanziert Organisationen, die Terror gegen Israel praktizieren und die Vernichtung Israels zum Ziel haben. Die iranische Entwicklung der Raketentechnik und der Atomanlagen kann in naher Zukunft ermöglichen, die gefährlichen politischen Ziele mittels Atomwaffen anzustreben.

In seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ negiert Günter Grass die Gefährdung der Existenz Israels, in dem er die Drohungen der iranischen Diktatur als Werk eines „Maulhelden“ einordnet. Nach dem Holocaust Juden zuzumuten, ihre Existenzbedrohung durch eine hasserfüllte Diktatur als leeres Gerede abzutun, zeugt von fehlender Sensibilität.

In das Bewusstsein der Juden ist eingebrannt, dass aus antisemitischen Vorurteilen Judenhass und aus Hass Völkermord wurde. Die demokratische Welt hatte in der Zeit des Nationalsozialismus die tödliche Gefahr des staatlich organisierten Antisemitismus nicht ernst genommen. Unbewaffnet, ohne eigene Heimstatt und von der Welt im stich gelassen wurde das europäische Judentum weitgehend ausgelöscht. Ein Nobelpreisträger sollte sich an diesen folgenreichen Fehler der Demokratien erinnern, statt die Bedrohung des Existenzrechts Israels zu bagatellisieren.
 
Existenzrecht ist die Zukunftsgarantie für das jüdische Volk
 
Wäre Israel als jüdischer Staat nur zehn Jahre früher entstanden, hätte ein großer Teil der europäischen Juden die Chance gehabt zu überleben. Deshalb ist das Existenzrecht eines jüdischen Nationalstaates - wie er von der UNO nach dem Holocaust beschlossen und von den Juden aufgebaut wurde - die Zukunftsgarantie für das jüdische Volk. Bereits am Tag nach der Ausrufung seiner Unabhängigkeit wurde Israel von den regulären Armeeeinheiten einer Allianz arabischer Staaten angegriffen, um den entstehenden jüdischen Staat zu beseitigen. Bis heute muss Israel um sein Existenzrecht kämpfen.
 
Gegenwärtig stellt die iranische Politik die größte Existenzbedrohung dar, die das jüdische Volk zutiefst verängstigt. Die Juden erwarten die Verteidigung des Existenzrechts ihres Staates durch die demokratische Welt. Falls die Welt versagt, muss Israel gewappnet sein. Auf den Einsatz seiner militärischen Mittel gegen eine atomare Bedrohung durch das iranische Regime kann und wird Israel verzichten, wenn die Regierungen und Bürger der demokratischen Staaten die iranische Bedrohung engagiert einschränken.
 
Indem Günter Grass im Gedicht Ahmadinedschad als einen „Maulhelden“ abtut, wird er nicht zum Antisemiten, aber er stellt sich dem aggressiven Antisemitismus der iranischen Diktatur nicht entgegen. Diese Gleichgültigkeit gegenüber der Bedrohung der Juden ist schmerzlich. Das jüdische Volk braucht in dieser Zeit großer Bedrohung Freunde. Zu Freunden in der Not zählt Günter Grass nicht.
 
Einstellung überdenken oder schweigen
 
Ich finde es nicht richtig, ihm heute seine SS-Mitgliedschaft als Jugendlicher kurz vor Kriegsende vorzuwerfen, da er an keinem Einsatz dieser Organisation teilnahm und in der Nachkriegszeit mit seinem politischen und literarischen Schaffen bewusst und engagiert den Wiederaufbau eines demokratischen und weltweit angesehenen Deutschlands erfolgreich mit gestaltet hat.
 
Ob Günter Grass weiterhin im Wahlkampf für die SPD auftritt oder nicht, entscheiden er und die SPD-Führungen. Aber Günter Grass sollte seine bisherige Einschätzung zum Iran-Thema überdenken oder dazu schweigen.
 
Ob Günter Grass nach Israel fährt oder nicht, ist nicht bedeutsam. Die israelische Regierung kann laut Gesetz aufgrund seiner einstigen SS-Mitgliedschaft die Einreise verweigern. Ich begrüße das in seinem Fall nicht. Vielleicht würde Günter Grass in jüdischer Umgebung begreifen, dass nicht - wie er in seinem Gedicht behauptet - die „Atommacht Israel den ohnehin brüchigen Weltfrieden gefährdet“, sondern das iranische Regime, wenn es bei Beibehaltung seiner Politik in Besitz von Atomwaffen käme. Mit seiner absurden Schuldzuweisung an Israel im Falle eines Bruchs des Weltfriedens taucht ein altes antisemitisches Vorurteil auf, das 1931 das politisch-satirische Chanson von Friedrich Hollaender besang: „An allem sind die Juden schuld“.
 
Im Gedicht von Günter Grass können wir lesen: „Es ist das ( von Israel ) behauptete Recht auf den Erstschlag, der das … iranische Volk auslöschen könnte“. Israel hat ein Selbstverteidigungsrecht, das es im Falle einer tödlichen Bedrohung nutzen wird. Aber der Angriff auf bedrohliche iranische Atomanlagen ist der Ausweg, wenn die Welt den Weg des iranischen Regimes zur militärischen Atommacht nicht verhindert und das jüdische Volk wieder im Stich lässt.
 
Muslimische Welt ist durch Israel nicht bedroht
 
Die Unterstellung, Israel könnte „das iranische Volk auslöschen“ ist genauso unsachlich wie eine angebliche Bedrohung der muslimischen Welt durch Israel. Israel steht allein 22 arabischen Ländern gegenüber, die eine ca.50-mal größere Bevölkerung und ein ca. 800-mal größeres Territorium besitzen. Die muslimische Welt war und ist durch Israel nicht existenziell bedroht. Keinem dieser Länder spricht Israel oder irgendein anderes Land das Existenzrecht ab. Dieses Recht wird in unserer Welt einzig und allein dem jüdischen Staat von einer Reihe von Ländern verweigert.
 
Nie hat das jüdische Volk einem anderen Volk mit Auslöschung gedroht; wohl aber wurde das Leben von sechs Millionen europäischer Juden ausgelöscht.
Günter Grass sollte nicht die Augen vor der Existenzgefährdung des jüdischen Volkes verschließen. Mit der von ihm heraufbeschworenen Gefahr einer Auslöschung des iranischen Volkes durch die Juden stellt er die Geschichte auf den Kopf.
 

Bereits die uralte Geschichte unseres Purim-Festes könnte ihn zum Nachdenken anregen. Sein gegenwärtiger Mangel an Sensibilität ist schmerzlich und verletzend. Mit der weltweiten Veröffentlichungsaktion seines Gedichts direkt vor dem Pessach-Fest lässt uns Günter Grass - hoffentlich aus Unwissenheit - an die Atmosphäre im Vorfeld der Osterpogrome des letzten Jahrtausends denken.

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